Die Wunderblume auf dem Löbauer Berg

Tafel der Sage am Gusseisernen Turm

Vor langer Zeit wussten sich die Löbauer von einer wundersamen und geheimnisvollen Blume zu erzählen, die irgendwo auf dem Löbauer Berg alle hundert Jahre just in der Johannisnacht heimlich und unsagbar schön erblüht. Wer sie fände und reinen Herzens pflückte, dem würde der sehnlichste Wunsch erfüllt – der würde mit höchstem Glück belohnt. Ihr Stängel, an dem Blätter wie Rubin weithin durch den Tannenwald leuchten, soll smaragdgrün schillern. Die Wurzeln sollen Gold und Edelsteine führen. Doch alle Pracht, so schwärmten die Leute, wird übertroffen durch den Kelch der Tausendschönen. Er trägt einen großen Diamanten, vor dessen prächtigem Glanz sogar Mond und Sterne verblassen, aus dem Balsamdüfte und liebliche Gesänge betörend schön und hold in die verzauberte Nacht emporsteigen.

Um diese Wunderblume ranken zahlreiche Geschichten, wie auch die folgende Sage:

Die Menschen hatten die Johannisnacht wieder einmal ausgelassen und fröhlich gefeiert.
Die Geisterstunde war schon vorgerückt, in den Häusern gingen nach und nach die Lichter aus. Auch die Johannisfeuer waren längst erloschen. Ruhe zog um die Häuser, nur der halbe Mond legte die Stadt in ein spärlich fahles Licht.
Eben in diesem Moment trat ein zierliches Mädchen aus einer niedrigen Hütte, die einsam am Fuße des Löbauer Berges stand. Traurig schaute sie in die Nacht, hinab über die Dächer der schlafenden Stadt.

Sie konnte heute nicht wie die anderen herzhaft lachen und vergnügt sein, denn sie war im Frühjahr grausam von Schicksalsschlägen getroffen worden. Ihre Mutter, der Vater und zu allem Schmerz auch noch ihr Liebster waren kurz hintereinander gestorben. Ganz allein hatten sie sie in dieser Welt zurückgelassen. Noch vor wenigen Stunden war sie, wie es seit Alters her am Johannistage Sitte war, an ihre Gräber gegangen, hatte sie mit frischen Blumen und Reisig liebevoll geschmückt und lange an ihnen gebetet. Mit Tränen in den Augen blickte sie nun zum Himmel und fragte flehend: „Ach lieber Gott, wann wird mein armes Herz endlich seinen Frieden finden?“

Ihre geschundene Seele kam in dieser Nacht nicht zu Ruhe. Sie ging wie von Geisterhand geführt durch das duftende Gras, den Berg hinauf zum Waldesrand. Plötzlich, sie konnte es in der Dunkelheit deutlich erkennen, schwebte vor ihr ein kleines Irrlicht. Es tänzelte hin und her, als wollte es zu ihr sagen:
„Komm nur, hab keine Angst und folge mir.“
Sie tat´s und lief tiefer und tiefer in den dichten Wald hinein. Zu ihrem Erstaunen spürte sie keine Furcht, allein die hohen Bäume berauschten traulich ihren einsamen Weg.

Dann, mit einem Male herbeigezaubert, wurde es ihr warm ums Herz. Sie blickte durch die Bäume und sah in einiger Entfernung, wie ein magisches Licht seine Umgebung in eine traumhafte Märchenwelt verwandelte. Betörende Düfte durchzogen den Tann und ein verführerischer Klang lag in der Luft, gleichen das Mädchen noch nie gehört hatte. Ihr kam dies vor wie eine himmlische Botschaft. Sie lief näher und – da war sie! Genauso wie sie Vater ihr einst geschildert hatte, als sie abends beim Kerzenschein, das Köpfchen in die Hände gestützt, seinen Erzählungen lauschte – die Wunderblume!

Regungslos dem Bann vollendeter Schönheit erlegen stand sie da und ihr schien, dass unter all den lieblichen Tönen eine wispernde Stimme aus dem Kelche sprach:
„Pflück mich, pflück mich ab …“
Sie nahm allen Mut zusammen, ging hin zur Blume und brach den Stängel. Im selben Augenblick erlosch der glänzende Zauber und stille Dunkelheit senkte sich über den friedlichen Bergwald.

Am nächsten Tag – es war noch früh am Morgen – gingen einige Kinder aus der Stadt auf den Löbauer Berg, um Beeren zu sammeln. Sie kamen dabei weit vom Wege ab. Auf einer kleinen Lichtung fanden sie ein Mädchen. Mit gefalteten Händen lag sie reglos auf dem Waldboden. Ihr anmutiges Gesicht mit einem zufriedenes Lächeln auf den Lippen war wunderschön anzusehen – sie hatte ihr höchstes Glück gefunden …