Alte Löbauer Gaststättenwelt - das waren noch Zeiten!

Beim Thema Gaststätten runzeln manche Leute die Stirn. Den Enthusiasmus nach der Wende vor Augen, sehen sie, dass viele Gastwirte inzwischen das Handtuch geworfen haben. Ebenso kennen einige noch die DDR-Gastronomie und fragen sich: Wie eigentlich war es denn anno dunnemals um die Löbauer Kneipenwelt bestellt? Hier ein kleiner Ausflug in längst vergangene Zeiten.

Schild am alten Sudhaus der Löbauer Brauerei

Der Begriff Gaststätte, im Sinne der gewerbsmäßigen Abgabe von Speisen und Getränken, war unseren Vorfahren vor mehr als 200 Jahren weitgehend unbekannt. Wenn sie einen Schnaps bzw. ein Bier trinken wollten, gingen sie entweder zu einem Branntweinbrenner oder in ein brauberechtigtes Haus. Damals gab es den sogenannten Reihenschank. Das heißt, die Besitzer der betreffenden Gebäude durften, wie der Name schon sagt, der Reihe nach in einem der Löbauer Brauhäuser ihr eigenes Bier herstellen. Danach konnten sie es zu Hause verkaufen. Anders die Branntweinbrenner. Sie destillierten das ganze Jahr über. Wer zu ihnen kam, trank entweder vor Ort einen ‚Kurzen‘ oder trug sein Quantum in einem mitgebrachten Gefäß heim. Genauso verhielt es sich beim Biertrinken. Abends saß man gemütlich im Bierhaus oder Vater drückte seinem Filius ein paar Groschen in die Hand und schickte ihn mit einem Krug über die Straße. Ihn zu füllen war offenbar jederzeit genug Bier vorhanden. Im Jahre 1604 zum Beispiel gab es in Löbau 104 brauberechtigte Häuser, die in 12 Monaten insgesamt 518 Biere herstellten. Ein Bier entsprach dabei einer Braupfanne, aus der rund 4,5 Hektoliter Gerstensaft entstanden. Die allerdings waren nicht allein für die Bürger bestimmt. Auch in den umliegenden Orten schenkte der Dorfrichter im Kretscham Löbauer Biere aus.

Ansichtskarte ehem. Hotel Schwarzes Lamm

Ganz ohne Gasthöfe ging es jedoch in der Zeit des Reihenschankes nicht. Schließlich mussten zum Beispiel Kaufleute samt ihren Fuhrwerken irgendwo unterkommen. Einheimische hatten in diesen Wirtschaften nichts verloren. Die ältesten Höfe in der Innenstadt waren der „Goldene Hirsch“ und der Gasthof „Zum goldenen Löwen“. Der „Goldene Hirsch“ befand sich im Eckhaus Altmarkt / Innere-Zittauer-Straße und der „Goldene Löwe“ im heutigen NKD-Kaufhaus. Hier übrigens saßen an Konventtagen oft Vertreter des Oberlausitzer Sechsstädtebundes beisammen, um ihre Angelegenheiten zu besprechen. Nachdem der Gasthof 1853 abgebrannt war, benannte ihn sein Besitzer nach dem Wiederaufbau in „Hotel Stadt Leipzig“ um. Parallel existierten noch zwei weitere Gasthöfe außerhalb des damaligen Stadtgebietes: das „Schwarze Lamm“ unmittelbar vor dem Bautzener Tor sowie das „Tschaketal“ zwischen dem Engel- und Zittauer Tor. Ab 1825 nannte sich dieser heute abgerissene Gasthof „Zum blauen Hecht“ und 24 Jahre später „Zum deutschen Haus“. Im Volksmund blieb er aber immer das Tschaketal. Der Begriff kommt aus dem Slawischen und bezeichnet einen Wartegasthof (vgl. warten = Obersorbisch: čakać, Slowakisch: čaka).

Der Reihenschank lief ab 1846 langsam aus. In dem Jahr vereinigten sich die brauberechtigten Hausbesitzer zur Löbauer Braukommune und bauten am Theaterplatz ein gemeinsames Brauhaus. Von da an wurde der Biervertrieb neu organisiert. Sukzessive entstanden in dem Zuge neben den alten Gasthöfen Restaurants, deren Besitzer die Konzessions-Verwaltung gehoben als Restaurateure (lat. restaurabo – ich will euch erquicken) bezeichnete. Sie verabreichten Speisen, Wein, Bier und andere Getränke, mit Ausnahme von Branntwein. Den nämlich durften Wirte bis Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit Bier nicht ausschenken. Nichtsdestotrotz kehrten die Löbauer gerne ein. Rund um den Marktplatz entstanden Lokale wie das bereits 1822 eröffnete Goldene Schiff, der Stadtkeller im Rathaus, der Jägerhof, der Trunk, Anickes Weinstuben, die Hopfenblüte, Morgenstern und Kerns Gaststätte (die spätere Marktschänke), um nur einige zu nennen.

Anikes Weinstuben

Jägerhof

Pension Morgenstern

Hotel Goldenes Schiff

Die meisten von ihnen hielten sich bis 1945. Ein paar überlebten bis in die DDR-Zeit und schlossen erst dann ihre Pforten. Bisweilen unfreiwillig, wie die 1869 eröffnete „Garküche“ auf der Johannisstraße 9. Sehr unsittliche Dinge müssen in der vom Volksmund „Christkindel“ genannten Kneipe vorgefallen sein, denn im Jahre 1955 entzogen die Behörden der Wirtin die Konzession wegen, wie es hieß, „moralischer und politischer Bedenklichkeit“. Am längsten mit altem Besitzer und Namen hielt bis 1966 das Restaurant „Zur Post“ des Gastwirtes Otto Brecheis aus. Der nahe am Markt gelegene „Alten Krug“ war, allerdings unter anderen Bezeichnungen, sogar noch bis vor wenigen Jahren auf. Wie ihn sein Gründer Julius Gärtner 1899 als „Krug zum grünen Kranze“ eröffnete, ließ er sich etwas Besonderes einfallen. Rund um die Eingangstür brachte er eine Stuckarbeit an. Obenauf einen mit §§ 11 beschrifteten Bierkrug. Der Paragraph entstammt einer alten Burschenschaftsregel und bedeutet nichts anderes als: „Es wird weitergesoffen“ – und zwar nach der Polizeistunde im Hinterzimmer!

Eingangstür Alter Krug

Alter Krug gestern

Alter Krug heute

Obere Etage Cafe Rutsch mit Glastanzdiele

Hinsichtlich historischer Löbauer Gaststätten ist auch die Bahnhofstraße ein lohnenswertes Betrachtungsobjekt. Gleich los ging dort die Einkehrtour im Haus der heutigen Drogerie Wendler. Vom Eingang Brunnenstraße aus gelangte das Publikum direkt in den „Mercur“. Dem Namen nach ein römischer Gott, der dem Gebäude mit seinem goldenen Abbild noch heute ein markantes Gepräge verleiht. Weiter verlief der Weg in Richtung Norden rechterhand vorbei an der Imbisshalle, bis man an der Bahnhofstraße 19 am 1889 gegründeten Café Schnabel anhielt. Richtig berühmt wurde dieses Lokal allerdings erst 1935, nachdem es der aus Neusalz an der Oder stammende Paul Rutsch zum Tanzcafé mit Glastanzdiele umgestaltet hatte. Ihn selber zog die Wehrmacht 1942 ein, sodass bis 1950 seine Frau die Geschäfte weiterführen musste. Danach war das Café Rutsch nur noch eine Legende.

Ehem. Gaststätte Hackerbräu, vormals Alberthof

Hotel Wettiner Hof, später Oberlausitze Hof, heute abgerissen

Länger ausgehalten haben es dagegen die Gaststätten auf dem angrenzenden Wettiner Platz. Unmittelbar hinter dem Springbrunnen an der Ecke Blumenstraße befand sich der Eingang zum Hackerbräu. Einstmals nannte sich das Lokal „Kaiserkeller“, anschließend „Stübnersche Restauration“ und ab 1897 „Alberthof“. Allein dieses Haus könnte mit Geschichten und Skandälchen ganze Bücher füllen. Ebenso der früher schräg gegenüber gelegene „Wettiner (Oberlausitzer) Hof“. Schon vor seinem Entstehen sorgte er für Riesenwirbel. Doch um das alles zu erzählen, reicht der Platz im Magazin nicht aus. Der Altstadtverein hatte sich deshalb vorgenommen, im Juni 2020 live eine Gaststättenführung durch Löbau anzubieten. Leider hat Corona dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber was nicht war, kann ja noch werden …   

Lesen Sie den Artikel auch im Magazin LöbauErleben, Ausgabe September 2020. Sie erhalten das Heft kostenlos an öffentlichen Stellen sowie in vielen Geschäften der Stadt.

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